
"Der Strand ist steinfrei, sein Sand körnig weiß
und nur im Herbst und Frühling etwas bräunlich. Das Meer besitzt
einen sandig-hellen Untergrund, läuft flach von der Küste weg zu
größeren Tiefen hin, ist milde salzhaltig und sieht in der Sonne blau,
bei Gewitter grün, bei Sturm weiß und in der Nacht schwarz aus."

Recht hat er! Diese erlesenen
Worte des Bansiner Schriftstellers Hans Werner Richters über den
schönen Usedomer Strand sind auch noch heute einhundertprozentig zutreffend. Davon
können sich in unseren Tagen immer wieder die zahlreichen
Urlauber auch in Heringsdorf überzeugen. Auch davon, dass der Strand
ziemlich lang und breit ist.

Vor 200 Jahren übrigens sonnten sich am Heringsdorfer Strand noch die
gemeinen Seehunde ("phocae vitulinae"). Die eigentlich netten
Tiere wurden dann aber zu Beginn der Seebäderzeit in der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts vom Urlauber bzw. gemeinen Badegast ("homo balneans")
verscheucht. Erst kam er nur vereinzelt, mittlerweile aber in Scharen:
Die Seehundkolonien sind also durch Urlauberkolonien, meistens aus
Berlin, ersetzt worden. Aus diesem Grund nennt man die Ostsee vor
Heringsdorf bzw. Usedom auch gerne die Badewanne Berlins. Im Gegensatz
zu seinen Vorgängern braucht der homo balneans aber einen größeren
technischen Aufwand am Strand, was gemeinhin an einer gewissen
Anhäufung von hausgemachten Strandkörben auf demselben sichtbar wird. Ja,
hausgemacht, denn Heringsdorf kann im Waldbühnenwerg seine eigene
renommierte
Strandkorbfabrik aufweisen, die sogar deutschlandweit exportiert.
So manches Wohnzimmer selbst im Süden der Republik schmückt schon ein
edler Strandkorb mit dem Prädikat
Made in Heringsdorf.

Trotz einer gewissen Korbdichte am Heringsdorfer
Strand ist aber immer noch genügend Platz da, um im überdimensionalen
Sandkasten auch ein paar anständige Sandburgen zu bauen.
Sandburgen seien übrigens typisch deutsch, sagte einmal ein Schwede
dem Autoren dieser Website. Egal, wo er sei, immer, wenn er Sandburgen
am Strand sehe, wisse er, dass auch deutsche Touristen in der Nähe
seien.

Noch auffälliger als Strandkörbe und Sandburgen ist
am Heringsdorfer Strand die moderne
Seebrücke. Mit ihren ungefähr 500 Metern Länge ist sie
das längste Exemplar ihrer Art in Deutschland. Vor vielen Jahren
standen am Strande noch weitere, auf Pfählen ruhende architektonische
Schöpfungen, die mittlerweile verschwunden sind: Herren, Damen und
Familienbad, die in Hufeisenform mit Öffnung zur Ostsee errichtet
waren An die Damenbadeanstalt erinnert heute noch der Damenbadweg, der
westlich der Villa Oppenheim auf die Strandpromenade führt (siehe die
beiden folgenden Bilder).
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Dass es früher auch Badeanstalten gab, hatte im wesentlichen zwei
Gründe: Mann konnte einerseits auf diese Weise der damaligen deutschen
Schamhaftigkeit gerecht werden. Wenn man sich zwischen den beiden Flügeln
aufhielt, konnte man ohne die lästigen Blicke irgendwelcher Voyeure ins
Ostseewasser steigen. Andererseits konnte die Aktiengesellschaft Seebad
Heringsdorf einfacher die anfallenden Gebühren für das Baden in der Ostsee
einkassieren. Neben der Kurtaxe musste nämlich vor einhundert Jahren auch noch jedes einzelne Bad im Wasser der
Ostsee bezahlt werden.

Zwar muss man für das
Eintauchen in der
Ostsee nun in Heringsdorf keine Gebühr mehr entrichten, dennoch hat der Strand
nichts an seiner Bedeutung für das Seebad verloren. Kurz gesagt: Der
schöne Strand ist und bleibt das Kapital bzw. weiße Gold des Seebads. Ohne
ihn wäre Heringsdorf nur eins von vielen verschlafenen pommerschen
Dörfern, in denen sich Fuchs und Hase gegenseitig eine gute Nacht wünschen
würden. Eine gewisse Heiligkeit sprach auch schon Kurt Tucholsky,
der Anfang der 20iger Jahre im Seebad logierte, dem Heringsdorfer Strand
zu. In seinem kleinen Opus "Saisonbeginn an der
Ostsee" schildert er, wie im Frühjahr alle Inselbewohner aus dem
Winterschlaf erwachen und sich auf die Badesaison und die ankommenden
Urlauber vorbereiten. Das
folgende Zitat ist das Finale seiner sicherlich auch nicht ganz tierisch
ernst gemeinten, kleinen literarischen Schöpfung. Dennoch trifft sie in
ihrer Kernaussage den Nagel genau auf den Kopf:

"Die frisch
gesalzenen Wogen rollen an den Strand. In einer Reihe, die ganze Küste
entlang, stehen die Wirte, großen Raubvögeln gleich, vor ihren Horsten und
lauern auf Beute. Sie klappern mit den Schnäbeln, die leeren Kröpfe
baumeln im Wind ... Sie scharren ungeduldig mit den riesenhaften Fängen im
Sande. Und warten.
Sieh! Da naht ein langer Zug ernster Männer dem Strande. Es ist der Landrat von
Swinemünde, gefolgt von einer unabsehbaren Reihe Badeort-Delegierter. ...
Die Geistlichkeit beider Konfessionen sowie Heringsdorfer Kultusbeamte
eröffnen den Zug. Fahnen wehen ihnen voran. Die Emma-Möwen kreischen und
klacksen kleine Glückwünsche. Der Wind weht. Schulkinder singen. Der Zug
steht. Und hervor tritt der Landrat und hält eine schöne Rede, in der er
auf die gute alte Zeit hinweist und darauf, wie gerade die Ostsee allezeit
treu zum Deutschen Reiche gehalten habe ... Von der Schmutzkonkurrenz der
Nordsee wolle er schweigen ... Die Möwen schreien. Die Geistlichkeit
spricht Gebete ... und erfleht vom Himmel eine feiste Saison. Das Meer
wird eingesegnet. Und der Landrat hebt den Zylinder und spricht: ...
«Hiermit erkläre ich die Ostsee für eröffnet!»"
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